Münsterland vor 1806

Fachwerk am Kirchplatz

Titelbild Fachwerkhaus

Projektdaten

Objekt: Denkmalgeschütztes Fachwerkhaus     Nutzung: Wohnen und Gewerbe
Maßnahmen: Umbau und Modernisierung     Wohnfläche: 379 m2
Gewerbefläche: 56 m2.         Disziplinen: Architektur, Innenarchitektur

Kai Raute

Prolog

Inmitten der Altstadt eines kleinen Ortes in Nordrhein-Westfalen, steht ein denkmalgeschütztes Fachwerkhaus, dessen Ursprung in die Zeiten um den Stadtbrand von 1806 zurückreichen. Das architektonische Gesamtkonzept des Gebäudes lässt sich als harmonisches und ausgewogenes Zusammenspiel von historischem Erbe und zeitgenössischem Design beschreiben. Sorgfältig und behutsam restaurierte Fachwerkelemente treffen auf klare, moderne Linien, die das Gebäude in eine harmonische Balance von Vergangenheit und Gegenwart sowie Alt und Neu bringen.

Durch die behutsame Sanierung und Modernisierung entstehen vier individuelle Wohneinheiten, während im Erdgeschoss Platz für ein vielfältiges Gewerbeangebot geschaffen wird. Durch die Weiternutzung und den Einbezug des heutigen Zeitgeistes sowie dem behutsamen Umgang spiegelt das Gebäude die verflochtenen Geschichten und lebendige Vielfalt wider, die unsere Städte und Gemeinden prägen.

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»Der sorgsame Umgang mit den historischen Elementen schafft eine einzigartige Atmosphäre, in der Vergangenheit und Zukunft harmonisch miteinander verschmelzen.«

Architektur

Geschichte Lesen

Bei dem Bestand handelt es sich um ein giebelständiges längliches Gebäude, das in Fachwerkbauweise verzimmert wurde. Einige Geflügelteile scheinen von einem Vorgängerbau zu stammen. Der Großteil des Gebäudes in seiner heutigen Gestalt dürfte aber aus der Zeit des frühen 19. Jahrhunderts stammen und nach dem Stadtbrand von 1806 errichtet worden sein.

Das spannende an dem Gebäude ist unter anderem, dass sich die einzelnen Bauphasen ablesen lassen. So ließ sich nachweisen, dass die Errichtung des bestehenden Hauses mit befahrbarer Querdiele im hinteren Hausteil nach 1806 stattgefunden hat. Der Dachausbau im vorderen Hausteil und die Errichtung eines Treppenhauses um den Herdraum sowie die Einbauten von Flurwänden im EG und OG stammen von vor 1900. Auch der nachträgliche Einbau einer Fachwerkwand und die damit einhergehende Beseitigung der seitlichen Toreinfahrt lässt sich auf die 1940er zurückverfolgen, wohingegen der Rückbau der seitlichen Eingangstür an der Südstraße nach 1950 stattgefunden hat.

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Maßnahmen

Instandsetzung, Restauration und Aufarbeitung

Da die Grundmauern und Innenwände teilweise über 300 Jahre alt, bestand der erste Schritt darin, das komplette Fundament zu restaurieren und die Schwellbalken auszutauschen. Dies passierte durch das Aufbocken des Hauses. Da sich das Gebäude aufgrund der Lasten im hinteren Teil um ca. 40 cm gesetzt hat, wurde das Haus wieder gerade gezogen, um die einzelnen Etagen plan zu haben. In dem Zuge wurde der gesamte Sockel erneuert, um die statischen Anforderungen auch in diesem Bereich zu erfüllen. In enger Absprache mit dem Denkmalamt und den Behörden wurden Riegel und Ständerwerke im Innen- sowie im Außenbereich ausgebessert und teils ausgetauscht. Gleiches galt für die Aufarbeitung der historischen Fenster und die Aufrüstung durch Ergänzung von Kastenfenstern sowie den Einbau von neuen Fenstern. Spannend ist besonders, dass sich überall die Historie des Gebäudes ablesen lässt, so konnten zum Beispiel ursprüngliche Ständerstellungen an Vernagelungen in den Rahmen abgelesen werden.

»Der Erhalt der historischen Bausubstanz in Verbindung mit heutigen Standards ist eine Hommage an die Vergangenheit und ein Bekenntnis zur Verantwortung für kommende Generationen.«

Materialien

Altes Handwerk und Heutige Standards

Klare Priorität ist der Erhalt des historischen Fachwerks. So werden bauliche Schäden fachgerecht in historischen Zimmermannstechniken mit traditionellen Holzverbindungen (Verzapfung, Jagdzapfen, Verblattungen, Holznägel) repariert und ausgeführt. Auch die Wahl der Materialien spielt eine wichtige Rolle. So ist bei Teilerneuerungen des Fachwerks ein trockenes Holz der gleichen Holzart bevorzugt Altholz zu verwenden. Kleinere Fehlstellen im Holz sind in traditioneller handwerklicher Weise zu behandeln. Risse und Löcher (deren Gefälle Niederschlagsfeuchte in das Haus ableiten) sind mit Passstücken auszuspänen oder auszukeilen. Auch die Gefacht, die saniert wurden, wurden wieder mit denkmalgerechtem Klinker ausgemauert, ebenso wurde das Dach wieder mit denkmalgerechten Tonziegeln eingedeckt und mit einer Aufdachdämmung mit Holzweichfaserplatten gedämmt.

Da die Zeit auch Spuren hinterlässt, müssen Gebäudeteile teils komplett saniert und wiederhergestellt werden. So wurden die drei bestehenden Gauben saniert und zusätzlich in den Laibungen aufgestockt, um Sie energetisch in dieses Jahrhundert zu führen. Auch hier wurde wieder die historische Zimmermannstechnik angewandt; von außen sind Sie wieder mit Eiche verkleidet worden und mit denkmalgerechten geschmiedeten Nägeln und Bolzen befestigt worden.

Besonders wertvoll ist bei dem Umbau und der Modernisierung der Einsatz nachhaltiger und ökologischer Baustoffe. Entsprechend werden später die Außenwände im Innenbereich mit Holzweichfaserplatten gedämmt und mit Lehmputz verputzt. Anschließend werden sie mit Lehm bzw. Kalkfarben gestrichen.

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Architektonisches Konzept

Neues klar sichtbar

Klares Ziel ist der Erhalt des Bestandes und die Ablesbarkeit der Historie. Entsprechend war es eine naheliegende Entscheidung, neu hinzugefügte Elemente in Ihrer Material- und Gestaltungssprache deutlich vom Bestand abzuheben. Ergänzt wird dieser Grundgedanke durch eine bewusste und behutsame Materialwahl, die sich aus der Historie des Gebäudes ableitet und vergangene Ansätze wieder aufgreift, miteinbezieht und in die heutige Zeit bringt. So werden die alten Eichendielen aufbereitet und später wieder also Fußbodenbelag in Teilbereichen verlegt. In anderen Bereichen soll ein dünner Steinbelag eingesetzt werden, der in seinem Aussehen an den Bodenbelag erinnert, welcher sich einmal in der Einfahrt für die Kutschen befand.

Im Gegensatz dazu werden die zwei neu eingebauten Dachgauben mit Zink verkleidet, um klar ablesbar zu machen, dass es sich hier um nachträglich gebaute Elemente handelt.

Fachwerkhaus_alt und neu

»Dieses Projekt zeigt, wie durch einen wertschätzenden Ansatz die Schönheit des Bestands bewahrt und erweitert werden kann, ohne den ursprünglichen Charakter zu verlieren. Eine gelungene Synthese von Alt und Neu, die ein einzigartiges Wohnkonzept schafft.«

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